Der Holzbau steht an einem entscheidenden Wendepunkt. Vor dem Hintergrund rückläufiger Bauzahlen, steigender Anforderungen an den Klimaschutz und einer begrenzten Rohstoffverfügbarkeit gewinnt die Transformation hin zu schnelleren, individuellen, zum Teil auch modularen und vor allem ressourceneffizienten Bauweisen zunehmend an Dynamik. Im Rahmen des Leitz Symposiums diskutierten Experten aus Forschung, Industrie und Architektur entlang der gesamten Wertschöpfungskette zentrale Zukunftsfragen – von digitalen Planungsprozessen über industrielle Fertigung bis hin zu innovativen Konstruktions- und Architekturkonzepten.
Im Zentrum vieler Beiträge stand die zunehmende Bedeutung digitaler Technologien. Professor Alexander Stahr (HTWK Leipzig) zeigte auf, dass die Integration von Entwurf, Fertigung und Montage in durchgängigen digitalen Prozessketten ein wesentlicher Hebel zur Steigerung der Produktivität im Bauwesen ist. Während andere Industrien in den vergangenen Jahrzehnten deutliche Effizienzgewinne erzielen konnten, besteht im Bauwesen weiterhin ein strukturelles Defizit. Robotik bietet hier nicht nur Potenzial zur Automatisierung, sondern ermöglicht zugleich eine wirtschaftliche Individualisierung von Bauteilen. Voraussetzung ist jedoch eine präzise Datenbasis, die Planungsinformationen nahtlos in Fertigungsprozesse überführt.
Die industrielle Praxis bestätigte diese Entwicklung. Alexander Leidorf von Leidorf Holztechnik verdeutlichte, dass robotergestützte Fertigung insbesondere bei großformatigen CLT-Bauteilen erhebliche Vorteile hinsichtlich Flexibilität und Bearbeitungsfreiheit bietet. Entscheidend für den erfolgreichen Einsatz ist jedoch weniger die Hardware als vielmehr die Qualität der Datenaufbereitung. Komplexe Geometrien erfordern exakte Simulationen und eine tiefgreifende Integration in die Maschinensteuerung, um Prozesssicherheit und Präzision zu gewährleisten.
Neben der Digitalisierung rückte die Ressourceneffizienz als zentraler Treiber in den Fokus. Mit dem Projekt „Universal Timber Slab“ präsentierte Hans Jakob Wagner (ICD, Universität Stuttgart) eine Deckenkonstruktion, die das Potenzial hat, den klassischen Stahlbetonbau grundlegend zu verändern. Durch die gezielte Nutzung der anisotropen Materialeigenschaften von Holz werden leistungsfähige, materialeffiziente Strukturen mit großen Spannweiten und vergleichbar niedrigen Geschosshöhen wie beim Stahl-Betonbau angestrebt. Eine derartige Deckenkonstruktion soll erstmals in dem für Oberkochen geplanten Zukunftsforum umgesetzt werden.
Einen grundlegenden Perspektivwechsel forderte Professor Jürgen Graf (RPTU Kaiserslautern), der Gebäude künftig als Materiallager denkt. Voraussetzung dafür sind standardisierte Bauteile und reversible Verbindungstechniken, die eine zerstörungsfreie Demontage und Wiederverwendung ermöglichen. Mechanische Fügetechniken und formstabile Holzwerkstoffe bilden hierbei die Grundlage für skalierbare, kreislaufgerechte Bausysteme.
Auch die Architektur selbst wurde als entscheidender Hebel für Nachhaltigkeit identifiziert. Bernd Liebel von Liebel/Architekten BDA zeigte anhand realisierter Projekte, dass intelligente Entwurfsstrategien – etwa die optimale Gebäudeausrichtung oder der gezielte Einsatz von Low-Tech-Lösungen durch gezielte Ausnutzung materialspezifischer Vorteile in Hybridbauweise – erhebliche Energieeinsparungen ermöglichen. Gerade im modularen Holzbau eröffnen sich dadurch neue Potenziale für schnelle Bauprozesse bei gleichzeitig hoher gestalterischer Qualität.
Die Möglichkeiten digitaler Planung wurden durch Professor Julian Krüger (Hochschule München) weiter konkretisiert. Seine Arbeiten zeigen, wie parametrische Modelle und automatisierte Fertigung eine „Mass Customization“ im Bauwesen ermöglichen. Individuelle Gebäude können so effizient und reproduzierbar realisiert werden – ein Ansatz, der die Grenzen zwischen Serienfertigung und individueller Architektur zunehmend auflöst.
Mit dem zirkulären Bausystem der TRIQBRIQ AG präsentierte Levin Fricke einen radikal nachhaltigen Ansatz im Massivholzbau. Die modularen Bausteine kommen vollständig ohne Klebstoffe aus und lassen sich flexibel montieren und demontieren. Neben der vollständigen Wiederverwendbarkeit überzeugt das System durch die Nutzung auch eingeschränkt nutzbarer Holzqualitäten sowie durch dezentrale Produktionskonzepte, die die regionale Wertschöpfung stärken. Ein Lebensmittelmarkt in Braunschweig wurde bereits mit dem TRIQBRIQ-System errichtet.
Abschließend wurde die Bedeutung der Werkzeugtechnologie hervorgehoben. Markus Sturm zeigte, dass moderne Werkzeugsysteme einen entscheidenden Beitrag zu Präzision, Produktivität und Prozesssicherheit leisten. Insbesondere bei der Bearbeitung hybrider Materialien sind spezialisierte Lösungen erforderlich. Die Kombination unterschiedlicher Schneidstoffe in einem Werkzeug verdeutlicht, wie technologische Innovationen neue Möglichkeiten in der Holzverarbeitung eröffnen.
„Das Symposium machte deutlich, dass die Transformation des Holzbaus bereits in vollem Gange ist. Digitalisierung, Automatisierung und neue Konstruktionsprinzipien treffen auf steigende Anforderungen an Klimagerechtigkeit und Ressourceneffizienz“, fasste Andreas Kisselbach, Moderator des Symposiums und F+E-Verantwortlicher bei Leitz in seinen Schlussworten zusammen. Entscheidend für den zukünftigen Erfolg wird sein, diese Entwicklungen systematisch zu verknüpfen und in die industrielle Breite zu überführen.
